Nachrufe
Gedenken an verstorbene Mitglieder
Prof. Dr. Werner F. Kümmel (*1936)
Am 21. Januar 2025 ist Werner F. Kümmel verstorben.
Am 21.1. verstarb der langjährige Direktor des Medizinhistorischen Instituts zu Mainz, Herr Prof. Kümmel am 21. Januar im Alter von 88 Jahren.
Herr Kümmel war mein Vorgänger am heutigen Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und leitete über viele Jahre bis zu seiner Pensionierung im März 2002 das Medizinhistorische Institut des Fachbereichs Medizin an der Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz. Insgesamt war er fast ein Vierteljahrhundert Mitglied der Medizinischen Fakultät.
Geprägt durch ein Studium der Geschichte, Musikwissenschaft, Klassischen Philologie und Philosophie in Marburg, Kiel und Göttingen widmete sich Werner Kümmel mit großer Leidenschaft zukunftsweisenden Forschungsschwerpunkten. So gestaltete er ganz maßgeblich die Edition der Tagebücher von Samuel Thomas von Soemmerring. Die Bedeutung des Arztes für das Verhältnis zwischen Christen und Juden in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Alexander von Humboldt und das Gelbfieber und die Medizinhistoriker im Dritten Reich waren weitere Forschungsgebiete, über die Herr Kümmel in national und international hoch angesehenen Fachzeitschriften und Büchern wissenschaftliche Forschungsergebnisse veröffentlichte. Für unser Fach war er darüber hinaus als Stütze und Herz des Medizinhistorischen Journals von unschätzbarer Bedeutung.
Herr Kümmel war den Mitgliedern des Instituts auch in seinem Ruhestand stets ein freundschaftlicher Begleiter, besonnener Berater und rückhaltloser Unterstützer. Wir haben einen großartigen Menschen und Wissenschaftler verloren. (Nachruf von Prof. Norbert W. Paul)
Prof. Dr. Dietrich von Engelhardt (*1941)
Am 14. Januar 2025 ist Dietrich von Engelhardt verstorben.
Dietrich v. Engelhardt entstammte einer baltischen Adelsfamilie. Er wurde 1941 in Göttingen geboren. Sein Vater Wolf v. Engelhardt war Wissenschaftlicher Assistent am Mineralogischen Institut der Universität Göttingen, bevor er 1958 als Ordinarius nach Tübingen berufen wurde. Dietrich v. Engelhardt beendete deswegen die Schulausbildung in Tübingen und begann dort zu studieren, zunächst Mathematik und Chemie, dann Philosophie, Geschichte und Slavistik. Weitere Studienstationen waren München und Heidelberg, wo er 1969 im Fach Philosophie mit der Arbeit Hegel und die Chemie. Studie zur Philosophie und Wissenschaft der Natur um 1800 promoviert wurde.
Schon sein Studium war also breit interdisziplinär angelegt – und noch im Alter hat er gern verschmitzt darauf hingewiesen, dass er anschließend zunächst in einem Forschungsprojekt am Institut für Kriminologie in Heidelberg tätig war, sogar eine kriminaltherapeutische Ausbildung absolviert und eine Sprechstunde für Haftentlassene aufgebaut hat. Ab 1971 war er parallel auch Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg, das damals von Heinrich Schipperges geleitet wurde. Dort habilitierte er sich 1976 an der Fakultät für Naturwissenschaftliche Medizin mit der Arbeit Historisches Bewußtsein in der Naturwissenschaft von der Aufklärung bis zum Positivismus und wurde noch im selben Jahr zum Professor ernannt. Im Zuge des Ausbaus der Medizinischen Akademie Lübeck zur Universität wurde er 1983 als Gründungsdirektor eines neu einzurichtenden Instituts für Medizin-und Wissenschaftsgeschichte an die Universität zu Lübeck berufen. Dieses Institut leitete er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 mit Leidenschaft und führte es zu großer nationaler wie internationaler Ausstrahlung. In Lübeck wurde er zum Dekan der Medizinischen Fakultät gewählt und war von 1993 bis 1996 Prorektor der Universität. Nach seiner Emeritierung war er 2007 Senior Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg in Greifswald und übernahm 2008-2011 kommissarisch die Leitung des überraschend verwaisten Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München, dessen Existenz er dadurch sicherte.
Neben seinen vielen wissenschaftlichen Interessen hat er sich besonders für den Aufbau der Medizinischen Ethik in Deutschland engagiert. Bereits während seiner Tätigkeit in Heidelberg führte er seit Ende der 1970er Jahre regelmäßige Lehrveranstaltungen zur Ethik in der Medizin durch. An der Universität zu Lübeck hat er die Ethikkommission sowie das Ethikkomitee aufgebaut und geleitet, von 1998 bis 2002 war er Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin, von 2001 bis 2010 fungierte er als Vizepräsident des Landeskomitees für Ethik in Südtirol.
1995 wurde er in die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gewählt. 2016 erhielt er die Alexander von Humboldt-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte und im Oktober 2024 die Hans-Prinzhorn-Medaille der Deutschsprachigen Gesellschaft für Kunst & Psychopathologie des Ausdrucks.
In Lübeck ist er ganz besonders mit dem von ihm ins Leben gerufenen Studium Generale hervorgetreten, zu dem er renommierte Referentinnen und Referenten für Lübeck gewinnen konnte und das bis heute fortgesetzt wird. Für alle die daran teilnehmen durften, wurden seine bereits in Heidelberg begonnenen kulturhistorischen Exkursionen (nicht zuletzt in die Toskana) und medikokulturellen Wochenenden zur Quelle bleibender Erinnerungen. Er hat über 40 Promotionen betreut und zum erfolgreichen Abschluss geführt. Ein besonderes Anliegen waren ihm die Seminare zu Medizin und Literatur für junge Studierende, die er auf diesem Wege häufig dauerhaft für literarische, historische und ethische Themen sensibilisieren und begeistern konnte. Diese Seminare begannen in seiner Heidelberger Zeit, wurden in Lübeck und München fortgesetzt, und auch im Ruhestand an mehreren Orten angeboten, wo immer sich die Möglichkeit ergab. In diesen Seminaren, im von ihm besonders geschätzten Arbeitskreis Psychopathologie und Kunst, aber auch in vielen weiteren interdisziplinären Zirkeln zeigte sich seine besondere Gabe, die unterschiedlichsten Menschen zu gemeinsamen Gesprächen zu vernetzen – nicht selten mit nachhaltiger Wirkung. Wer immer das Glück eines geselligen Beisammenseins mit Dietrich v. Engelhardt hatte, wird sich an das „Brindisi“ erinnern, ein kurzes und möglichst geistreiches Wort bei Tisch, das er mit seinem unwiderstehlichen Charme von allen erwirkte.
Bis zu seinem plötzlichen Tod war er unermüdlich wissenschaftlich mit Publikationen und Vorträgen aktiv. Im Kant-Jubiläumsjahr hat er im August 2024 beim Naturwissenschaftlichen Verein in Lübeck einen Vortrag über „Kant und die Medizin. Ein Leben mit der Krankheit“ gehalten. Seine Publikationsliste verzeichnet mehr als 600 Veröffentlichungen, einen Schwerpunkt nehmen dabei die vielfältigen Beziehungen zwischen Medizin, Literatur, Kultur und Philosophie ein. Seinem inzwischen in zweiter Auflage vorliegenden fünfbändigen Opus Magnum Medizin in der Literatur der Neuzeit (Heidelberg, 2021) ließ er kurz darauf die vierbändige Darstellung Medizin in Romantik und Idealismus (Stuttgart, 2023) folgen, und noch im Herbst vergangenen Jahres ist sein Buch Goethe als Naturforscher im Urteil der Naturwissenschaft und Medizin des 19. Jahrhunderts (Heidelberg, 2024) erschienen.
Dietrich v. Engelhardt war mit Ulrike von Engelhardt, geborene Aschoff, verheiratet, gemeinsam hatten sie fünf Kinder.
Wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. (Nachruf von Prof. Maike Rotzoll, Prof. Volker Roelcke und Prof. Cornelius Borck)
Prof. Dr. Dr. Klaus Bergdolt (*1947)
Am 11. Februar 2023 ist Klaus Bergdolt verstorben.
Das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln teilt mit, dass Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Bergdolt am 11. Februar 2023 im Alter von 75 Jahren verstorben ist.
Klaus Bergdolt wurde am 6. Dezember 1947 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur studierte er von 1968 bis 1975 Medizin an den Universitäten Tübingen, Wien und Heidelberg, wo auch die Promotion zum Dr. med. erfolgte. Bis 1981 schloss er zunächst seine Ausbildung zum Facharzt für Augenheilkunde in Heidelberg ab, ehe er sich dort sowie in Florenz dem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte, Christlichen Archäologie und Religionswissenschaften zuwandte und 1986 zum Dr. phil. promoviert wurde. Drei Jahre später habilitierte Klaus Bergdolt sich am Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg. Seit 1990 wirkte er als Leiter des Deutschen Studienzentrums am Canal Grande in Venedig, bis er 1995 dem Ruf auf den Lehrstuhl für Geschichte und Ethik der Medizin, verbunden mit der Leitung des gleichnamigen Institutes an der Universität zu Köln, folgte.
Klaus Bergdolt war ein prominenter deutscher Repräsentant der internationalen Renaissance- und Humanismus-Forschung, die er durch ein Zusammenführen von medizin-, kunst- und wissenschaftshistorischen Aspekten und Methoden innovativ bereicherte und als festen Forschungszweig weit über die Grenzen Kölns hinaus etablierte. Aus seiner Feder stammen mehrere bahnbrechende Monographien, darunter zum „Schwarzen Tod“ in Europa, zur Geschichte der Diätetik und zur Geschichte der ärztlichen Ethik sowie eine Vielzahl von Aufsätzen zu diesen und anderen Themen. Das Fach Medizingeschichte sah Klaus Bergdolt stets als integralen Teil ärztlicher Kultur und auch ärztlicher Ausbildung; mit seiner Begeisterung für Italien und besonders Venedig vermochte er Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitende und Studierende nachhaltig zu bereichern. Von 2001 bis 2017 leitete er das Ethik-Konsil des Universitätsklinikums Köln.
Die Universität zu Köln verliert mit dem Tod von Klaus Bergdolt einen umfassend gebildeten Gelehrten, den seine weitgespannten Interessen zu einem geschätzten Gesprächspartner auf vielen Ebenen machten. Davon zeugen nicht zuletzt zahlreiche Gastvorträge und -professuren im Ausland sowie ordentliche Mitgliedschaften in der Nordrhein-Westfälischen und Europäischen Akademie der Wissenschaften sowie die Ehrenmitgliedschaft in der Accademia di Storia dell’Arte Sanitaria (Rom).
Wir werden Klaus Bergdolt ein ehrendes Gedenken bewahren. (Nachruf von Prof. Axel Karenberg und Prof. Daniel Schäfer)
Dr. Michael Martin (*1960)
Am 18. Juni 2022 ist unser Kollege Michael Martin verstorben.
Michael Martin wurde am 7. Dezember 1960 in Bochum geboren. Ebenda an der Ruhr-Universität studierte er zunächst Germanistik, Niederlandistik und Geschichte, um sich dann im Bereich der Wirtschafts- und Technikgeschichte zu spezialisieren. Seine Magisterarbeit widmete er der „Position von Betriebsräten in der Weimarer Republik im Spiegel der juristischen Debatte“.
Nach Abschluss des Studiums war er bis ins Jahr 2004 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in verschiedenen Projekten am Institut für Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität und bei der Stiftung Museum Schloß Moyland tätig, wo er unter anderem die „Wissenschaftliche Edition des Anholter Kräuterbuches“ und verschiedene Ausstellungsprojekte betreute. 2001 wurde er mit seiner Arbeit zum „Arbeiterschutz und Arbeitsmedizin im Ruhrbergbau 1865-1914“ zum Dr. phil. promoviert.
Ab 2005 wirkte er zunächst an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, dann an der Universität Ulm und bis zuletzt an den Universitäten Köln und Düsseldorf an den jeweiligen Instituten für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin in Projekten zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Neben der Entwicklung medizinischer Konzepte und Begriffe im Wechselspiel zwischen Theorie, Praxis und Technik standen die Darstellung als Problem und Promotor medizinischer Erkenntnis und bis zuletzt die Neurologie im Nationalsozialismus im Zentrum seiner Arbeiten.
Michael Martins großes Verdienst ist es, in seinen Arbeiten konsequent die Technikgeschichte und die Medizingeschichte in eine fruchtbare Beziehung gesetzt zu haben. So konnte er in Vorträgen, Aufsätzen und Büchern sein Publikum begeistern für die Geschichte des Zählens, Messens und Abbildens in der Medizin oder auch die Entwicklung medizintechnischer Verfahren zwischen Kritik, Begeisterung und popkultureller Repräsentation. Nicht zuletzt engagierte er sich in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Seine letzten gerade korrigierten Druckfahnen befassten sich hier mit der Verfolgung und Vertreibung von Neurologinnen und Neurologen.
Michael Martin war ein großartiger, langjähriger Freund und ein sehr geschätzter Kollege. Wer ihn kennenlernen durfte, erinnert ihn als liebenswerten, besonnenen, klugen, bodenständigen, optimistischen und humorvollen Menschen. Missgunst war ihm fremd, bei Misserfolgen machte er Mut, bei Erfolgen sorgte er für Bodenhaftung. Daran und an viele schöne Erlebnisse mit ihm werden sich die Kolleginnen und Kollegen, die ihn kannten, immer wieder erinnern.
Wir werden ihn in jeder Hinsicht vermissen und trauern um ihn mit seiner Familie.
Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart (*1952)
Am 16. August 2021 verstarb Wolfgang U. Eckart.
Nachruf des Fachverbands Medizingeschichte von Prof. Maike Rotzoll und Prof. Philipp Osten, August 2021,
Nachruf von Prof. Robert Jütte [Collage aus FAZ zusammenstellt, hier], August 2021,
Nachrufe von Dr. Werner Bartens (SZ) und Prof. Philipp Osten (SWR2), August 2021,
Nachruf von Dr. Marion Hulverscheidt und Prof. Dr. Birgit Nemec (Dr. med. Mabuse – Zeitschrift für
alle Gesundheitsberufe), September 2021,
Nachruf von Prof. Robert Jütte (Deutsches Ärzteblatt), September 2021.
Prof. Dr. Gerrit Hohendorf (*1963)
Am 12. Juli 2021 verstarb Gerrit Hohendorf. Nachrufe von Freunden und FachkollegInnen, Juli 2021,
Nachruf des Fachverbands Medizingeschichte von Prof. Maike Rotzoll und Prof. Volker Roelcke, Oktober 2021.
Prof. Dr. Dr. Udo Benzenhöfer (*1957)
Am 5. März 2021 verstarb Udo Benzenhöfer. Nachruf von Dr. Gisela Hack-Molitor, März 2021,
Nachruf von Prof. Heinz Schott (Hessisches Ärzteblatt), Mai 2021,
Nachruf von Prof. Heinz Schott und Prof. Dietrich von Engelhardt sowie einführende Notiz der Redaktion (Mitteilungen der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft), Oktober 2021.
Prof. Dr. Eduard Seidler (*1929)
Am 7. Dezember 2020 verstarb Eduard Seidler. Nachruf von Prof. Karl-Heinz Leven, Dezember 2020.
Prof. Dr. Gerhard Baader (*1928)
Am 14. Juni 2020 verstarb Gerhard Baader.
Ende der 60er Jahre kam der Philologe Gerhard Baader an das Berliner Institut für Medizingeschichte. Er sollte Medizinstudenten die ärztliche Fachsprache beibringen und dem vom ehemaligen Truppenarzt Heinz Görke geleiteten Institut ein wissenschaftliches Profil verleihen. Seine Arbeiten über medizinische Texte von der Antike bis in die Frühe Neuzeit verliehen ihm hohe Anerkennung unter HistorikerInnen. Auf dem Gesundheitstag 1980 forderte Baader, der als Kind einer jüdischen Mutter im Wien der NS-Zeit hatte Zwangsarbeit leisten müssen, eine aktive Auseinandersetzung mit der Medizin im Nationalsozialismus.
In den folgenden Jahren bildete sich um Ihnen eine große Gruppe von DoktorandInnen. Er förderte die Sozial- und Patientengeschichte, die Geschichte der Pflege und die kritische Wissenschaftsgeschichte. Seinen SchülerInnen blieb er
lebenslang ein Ratgeber. Mehrere Generationen von WissenschaftlerInnen hat er für sein Fach begeistert. An den Sitzungen des Fachverbands Medizingeschichte und an vielen Tagungen nahm er bis zuletzt aktiv teil.
Gerhard Baader hat sein Fach grundlegend verändert. Am Sonntag, den 14. Juni ist er in Berlin gestorben.
Medizinhistoriker und Aktivist Gerhard Baader gestorben, Nachruf in DER STANDARD, Juni 2020.
Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach (*1959)
Sylvelyn Hähner-Rombach verstarb am 6. Januar 2019. Nachruf von Prof. Robert Jütte und Prof. Martin Dinges.
Nachruf von Prof. Karen Nolte.
Prof. Dr. Dr. Rolf Winau (*1937)
Am 15. Juli 2006 verstarb Rolf Winau. Nachruf von Prof. Volker Hess, Oktober 2006.